GWTF-Jahrestagung
München, 28. und 29. November 2003

Die zunehmende Verwertung unfertigen Wissens

GWTF e.V.

Call for papers (pdf) | Abstracts der Beiträge

Wissenschaft sieht sich zunehmend vor die Anforderung gestellt, noch unfertiges wissenschaftliches Wissen als Informationsgrundlage außerwissenschaftlicher Entscheidungsprozesse bereitzustellen. Dies führt zu einer veränderten Wahrnehmung wissenschaftlichen Wissens: Nicht mehr seine Beständigkeit und Eindeutigkeit steht im Blickpunkt, sondern gerade seine Vorläufigkeit und mögliche Perspektivenabhängigkeit. Diese Entwicklung kann als das paradoxe Ergebnis des besonderen Erfolges von Wissenschaft angesehen werden. Durch die gesellschaftsweite Anwendung und Durchsetzung werden die Produktionsbedingungen wissenschaftlichen Wissens, die durch institutionelle Separierung vormals gesellschaftlich nicht sichtbar waren, nun gerade in das Rampenlicht gesellschaftlicher Aufmerksamkeit gehoben. Dieser Prozess ist umso herausfordernder als wissenschaftliches Wissen bisher als Garant für Rationalität und Eindeutigkeit von Entscheidungen galt.

Nun unterscheidet sich die Wissenschaft von den meisten anderen gesellschaftlichen Handlungsfeldern durch das Merkmal des handlungsfolgenentlasteten Handelns. Konstitutiv für Wissenschaft ist zumindest ein gewisses Maß an Abkopplung des Forschungsprozesses von externen Restriktionen, die den für den Einsatz wissenschaftlicher Methoden erforderlichen Freiraum schafft (etwa die Möglichkeit, dass Experimente scheitern dürfen). Bezogen auf den Zeithorizont der Suche nach Problemlösungen bedeutet dies, dass wesentlich nicht externe Zeitvorgaben, sondern innerwissenschaftliche Qualitätskriterien und Verfahren der wissenschaftsinternen Ergebnisdiffusion darüber entscheiden, wann Resultate von Forschungsprozessen als durch die Fachkollegen akzeptierte wissenschaftliche Ergebnisse und damit als neues wissenschaftliches Wissen gelten. Für die Handlungsfelder, die auf wissenschaftliches Wissen als Entscheidungsgrundlage zugreifen, gilt diese relative Befreiung von Zeitrestriktionen dagegen typischerweise nicht: Wenn es um die politische Entscheidung über Grenzwerte für Schadstoffe oder die Entscheidung von Konsumenten bei der Wahl des gesünderen Lebensmittels geht, besteht Entscheidungszwang – weil stets auch der Verzicht auf eine Entscheidung eine Entscheidung mit Handlungsfolgen ist. Wissenschaft steht deshalb vor der Herausforderung, jetzt Entscheidungshilfen zu liefern und nicht erst dann, wenn das anstehende Problem nach innerwissenschaftlichen Maßstäben hinreichend durchdrungen ist. Sie kann dabei aber nur auf das bereits erlangte wissenschaftliche Wissen verweisen, auch wenn es nach ihren Maßstäben noch unfertig ist.

Thema der Tagung ist die Analyse dieses Phänomens, seiner Entstehungsbedingungen und seiner Folgewirkungen: Welche empirische Bedeutung kommt dem Phänomen zu? Stützen die empirischen Belege die These einer zunehmenden Verwertung unfertigen Wissens? Sind davon bestimmte Wissenschaftszweige stärker oder weniger stark betroffen und aus welchen Gründen? Welcher Stellenwert kommt unterschiedlichen Theorien bei der Analyse dieses Phänomens zu? Welche Rolle spielen die Medien als Nachfrager nach wissenschaftlicher Expertise zu Risikothemen? Welche Rolle spielt der Legitimationsdruck auf Wissenschaft, sich als gesellschaftlich nützlich zu erweisen? Verändert, und wenn ja: wie verändert sich das Bild der Wissenschaft in der außerwissenschaftlichen Öffentlichkeit, wenn aus der Wissenschaft kommuniziertes Wissen ohne das Prädikat des gesicherten Wissens und mit der Einschränkung der Vorbehaltlichkeit daherkommt? Welche Folgen hat der Zugriff der Gesellschaft auf „Zwischenprodukte“ der Wissensproduktion für die Wissenschaft selbst?

Alle Kolleginnen und Kollegen, die interessiert sind, sich mit einem eigenen Beitrag an dem Thema zu beteiligen, bitten wir um Einsendung eines (max. 2 Seiten langen) abstracts, bevorzugt per email, bis zum 31. Juli 2003 an:

Dr. Stefan Böschen, email: stefan.boeschen@phil.uni-augsburg.de Universität Augsburg,
Lehrstuhl für Soziologie, Universitätsstr. 6, D-86159 Augsburg
und
Dr. Ingo Schulz-Schaeffer, email: schulz-schaeffer@tu-berlin.de Technische Universität Berlin,
Institut für Soziologie, Sekr. FR 2-5, Franklinstr. 28/29, D-10587 Berlin

Abstracts der Beiträge (in der Reihenfolge des Programmablaufs)

Herbold | Küppers/Lenhard | Lösch | Lösch | Kahlert | Dressel | Kurath | Viehöver | Böschen |

Ralf Herbold

IWT, Universität Bielefeld

Realexperimente und Wissensgesellschaft. Gesellschaftliche Anforderungen an die Wissenschaft in Anwendungskontexten.

(1) Der Begriff „unfertiges Wissen“ stellt, wenn damit bewährungsfähiges Wissen gemeint ist, ein Oxymoron dar: Wissenschaftliches Wissen wird als prinzipiell revozierbar angesehen, es gibt eine Form der Überraschungsoffenheit, ohne die wissenschaftlicher Fortschritt nicht denkbar ist. Sicherlich ist damit auch eine normative Komponente verknüpft, die Ausführungen von Kuhn (1962) zur „Normal science“ und den „Anomalies“ produzierte in diesem Sinne einen Skandal, mit dem aber letztlich nur auf die Notwendigkeit von Inseln der Sicherheit verwiesen wurde, die zur Lösung von Unsicherheit und der Erzeugung neuen Wissens notwendig sind. Das die Wissenschaft leitende Regime der Orientierung auf neues Wissen wird davon nicht tangiert.

(2) Unfertiges Wissen kann in dem aufgespannten Rahmen zweierlei bedeuten: Einmal, dass noch keine ausreichende Bewährung erfolgt ist, es gleichwohl zur Anwendung kommt, zum anderen, dass trotz des Bewusstseins der Unfertigkeit des Wissens Anwendungen vorgenommen werden, weil auf eine andere Art und Weise keine Bewährungsproben bzw. weitere Erkenntnisprozesse möglich sind. Es handelt sich hier um eine Variation der von Collins/Pinch (1993) herausgearbeiteten Differenz von Demonstration und Experiment: Während im ersten Fall von der prinzipiellen Möglichkeit einer Bewährung neuen Wissens aufgegangen wird, also von der Möglichkeit, Wissen aus den Forschungs- in Anwendungskontexte durch Demonstrationen zu übertragen, wird diese Möglichkeit im zweiten Fall verneint, d.h. die Anwendung selbst wird zu einem Teil der Erkenntnisproduktion.

(3) Damit stellt sich die Frage nach den zu Grunde liegenden Interessen. Im ersten Fall, der Anwendung unfertigen, aber durch gängige Forschungspraktiken und kaskadenförmige Technikeinführungen prinzipiell erhärtbaren Wissens, sind es, wie das Beispiel der „kalten Fusion“ (Close 1990) zeigt, die Interessen der Wissensproduzenten, die auf eine schnelle Verbreitung drängen, aber, wie ein Blick auf die unter dem Druck verkürzter Innovationszyklen und regulativer Maßnahmen zunehmenden Rückrufaktionen bei technischen Produkten wie PKW (Kraftfahr-Bundesamt 2003: 4) verdeutlicht, auch wissensverwendende ökonomisch orientierte Akteure. In beiden Bereichen stellt der Verzicht auf weitergehende Wissensprüfungen eine Verlagerung des Risikos dar. Oder besser: Des damit verbundenen Maßstabs durch einen Ortswechsel. Es ist nicht mehr die fehlerfreundliche Sonderwelt des Labors, in der Wissen ohne externe Konsequenzen verworfen werden kann, sondern es sind weitere gesellschaftliche Bereiche, in denen operiert wird, worauf die These der „Gesellschaft als Labor“ (Krohn/Weyer 1989) abzielt.

(4) Bei dem zweiten Fall, bei dem mit Anwendung von Wissen die Erzeugung neuen Wissens verknüpft ist, liegt eine andere Konstellation von Interessen vor, da hier eine Vermittlung der verfolgten Rationalitäten notwendig ist. Kennzeichnend für derartige Einführungen ist, dass ein gesellschaftlicher Problemlösungsdruck und eine wissenschaftliche Forschungsstrategie aneinander angepasst werden. Sozialexperimente können beispielsweise durch die Wissenschaft angestoßen, beobachtet und ausgewertet werden, über ihre Durchführung entscheidet aber die Politik wegen des damit verbundenen Rationalisierungsgewinns. Allerdings können hier auch Legitimationsinteressen im Vordergrund stehen, etwa in dem Fall gesellschaftlich umstrittener Entscheidungen.

(5) Festhalten lässt sich, dass damit das gängige Muster wissenschaftlichen Erkenntnisgewinns verlassen wird. Die Durchführung der so genannten Realexperimente macht im Vergleich zum Vorgehen in der Sonderwelt der Wissenschaft eine Reihe von epistemischen Anpassungen nötig. Beispielsweise ist die Kontrolle über die Randbedingungen nur begrenzt möglich, die Manipulierbarkeit innerhalb der Versuchsanordnung ist nur in dem durch außerwissenschaftliche Interessen aufgespannten Rahmen möglich und schließlich sind Maßnahmen zur Risikominimierung bzw. die Bereitstellung von Eingriffsreserven notwendig, mit der der Lokalität des Realexperiments Rechnung getragen wird. Manipuliert wird schließlich in der sozialen und natürlichen Umwelt.

(6) Empirische Beispiele:
Politikbereich: Sozialexperiment „Heroin als Medikament“
Technikentwicklung: „Rückrufaktionen“
Medizin: „Phase IV-Studien in der Pharmaforschung“
Umwelt: „Abfallentsorgung“

(7) Ethische Probleme stellen bei einer derartigen Erkenntnisstrategie einen zentralen Bereich dar. Die Sozialexperimente der 1960er und 1970er Jahre haben hierzu umfangreiches Material geliefert (Rivlan/Timpane 1975), die Frage stellt sich, ob die jetzige Situation sich von der damaligen grundsätzlich unterscheidet. Es ist weiterhin die soziale Umwelt der Wissenschaft, allerdings kann man in mehreren Aspekten Veränderungen erkennen:
- Abkehr von einem technokratischen Verständnis, das in der Vergangenheit so weit ging, dass die Forderung auf Verzicht von Anpassungen bei Problemen mit laufenden Programmen gefordert wurde (Eckel 1978).
- Selbstexperimentalisierung der Gesellschaft als These. Eng mit der Wahrnehmung als Wissensgesellschaft hängt das Bewusstsein der Unfertigkeit und der nur zeitlichen Gültigkeit von Wissen zusammen (Herbold 2000), eben der Unfertigkeit. Auf dieses Wissen, das in der sozialen Praxis entsteht, kann man aber nicht verzichten.

Literatur:
Close, Frank E. (1990): Too hot to handle. The story of the race for cold fusion, London
Collins, Harry/Pinch, Trevor (1993): The golem. What everyone should know about science, Cambridge
Eckel, Karl (1978): Das Sozialexperiment. Finales Recht als Bindeglied zwischen Politik und Sozialwissenschaft, in: ZfS 7: 39-55
Herbold, Ralf (2000): Technische Praxis und wissenschaftliche Erkenntnis : Soziale Bedingungen von Forschung und Implementation im Kontext der Wissensgesellschaft, Hamburg
Kraftfahr-Bundesamt (2003): Jahrespressebericht, ttp://www.kba.de/Stabsstelle/Presseservice/Jahrespressebericht/Pressebericht2003_internet2.pdf
Krohn, Wolfgang/Weyer, Johannes (1989): Die Gesellschaft als Labor. Die Erzeugung sozialer Risiken durch experimentelle Forschung, in: Soziale Welt 40: 349-373
Kuhn, Thomas S. (1962): The structure of scientific revolutions, Chicago
Rivlan, Alaice M./Timpane, P. Michael (eds.) (1975): Ethical and legal issues of social experimentation, Washington

Günter Küppers, Johannes Lenhard

Universität Bielefeld

Einheit ohne Theorie: Zur Charakterisierung von anwendungs-dominierter Wissenschaft am Beispiel der Klimaforschung

In der Klimaforschung stehen die sogenannten general circulation models (GCMs) an der Spitze einer Pyramide von verschiedenen Simulationsmodellen. GCMs sind umfangreiche und komplexe Simulationsmodelle, die nur an wenigen Zentren weltweit betrieben werden können. Die Mehrheit der Forscher arbeitet mit kleineren Modellen und untersucht spezifische Aspekte des Klimas, wie etwa die Wolkendynamik, die Rolle der Stratosphärenwinde oder die Wechselwirkung der Atmosphäre mit den Ozeanen. In den GCMs werden diese Teilmodellierungen zusammengefasst. In dem Vortrag soll eine Antwort gegeben werden, warum und wie diese Integration zu einem Gesamtmodell geschieht.

Kurz gefasst lautet die Antwort: Die Hegemonie der großen, komplexen GCMs ist eine Folge des politischen Drucks unter dem die Klimaforschung steht. Ihre Ergebnisse müssen als Argumente in der politischen Diskussion einer unter Umständen einschneidende Veränderungen fordernden Klimapolitik verwendbar sein. Um diesen politischen Anforderungen gerecht zu werden, müssen die Simulationsmodelle realistisch sein – und zwar in einem doppelten Sinne: Erstens sollen die Modelle aus den physikalischen Grundgleichungen abgeleitet sein, um deren objektiven Status auf das durch sie produzierte Wissen zu übertragen. Klimawissen soll nicht von hypothetischen Modellwelten handeln, sondern von der Realität. Zweitens sollen die Ergebnisse zuverlässig sein. Es sollen keine Effekte vernachlässigt werden, die langfristig Einfluss auf die Dynamik haben können. Dazu ist es erforderlich, die erwähnten Modelle zu einem einzigen, umfassenden Klimamodell zu integrieren.

Diese Möglichkeit zur Integration ohne einheitlichen theoretischen Rahmen liefert die Technik der Computersimulation. Die Teilsysteme werden in jedem Simulationslauf quasi-empirisch aneinandergekoppelt: die Ergebnisse eines Teilsystems werden im nächsten Zeitschritt zum Input eines anderen Teilsystems. In diesem Sinne widerspiegelt die Architektur der GCMs die Bedingungen ihrer Anwendung.

Diese Beobachtungen lassen sich, so unsere These, verallgemeinern: Die pragmatische Integration heterogener Ansätze und Modelle kann als Charakteristikum von Forschung aufgefasst werden, die von Anwendungsgesichtspunkten dominiert wird.

Andreas Lösch

TU-Darmstadt, FB 2,
Graduiertenkolleg „Technisierung und Gesellschaft“
Karolinenplatz 5
(Postfach 1404)
64289 Darmstadt
Tel.: 06151/16-4933
loesch@ifs.tu-darmstadt.de

Das ‚Neue’ an der medizinischen Mikrosystemtechnik und Nanotechnologie .Zur Rolle räumlicher Metaphorik bei der ‚Fertigung’ von Wissen über Zukunftstechnologien

Wird für Zukunftstechnologien gewissermaßen ‚präventiv’ Plausibilität und Bedarf erzeugt, so ist der Rückgriff auf ‚unfertiges’ Wissen zur sinnstiftenden Wissensver-mittlung unabdingbar. Bereits in den Fertigungsprozess des Wissens sind vielfältige Vermittlungen und Übersetzungen zwischen unterschiedlichen wissenschaftlichen und außerwissenschaftlichen Bereichen involviert. Hybride Wissensproduktionen durch unterschiedliche Akteure – so bspw. die Wissenschaft, die Wirtschaft und die Medien – beeinflussen gleichermaßen die wissenschaftlich-technische Entwicklung wie die sozio-technische Implementierung der neuen Technologien.

Im Fall der Mikrosystemtechnik und der Nanotechnologie ist seit dem Ende der neunziger Jahre des 20. Jahrhunderts zu beobachten, dass durch Akteure der For-schung, der beteiligten Unternehmen und der Medien Plausibilität für technische In-novationen in der Medizin erzeugt wird, die weitgehend erst für die Zukunft erwartet werden. In den der wissenschaftlich-technischen Realisierung und der sozio-technischen Implementierung vorhergehenden Vermittlungsprozessen spielen schrift-liche und visuelle Formen der Darstellung technischer Interventionen in organische, zelluläre und molekulare Räume eine entscheidende Rolle. Diese Darstellungen las-sen sich als ‚Zwischenprodukte’ inkrementeller Fertigungsprozesse von Wissen ana-lysieren, die sich schon im Vorfeld politischer Entscheidungsprozesse vollziehen.

Wie der Vortrag thematisieren wird, werden zur Vermittlung des ‚Neuen’ an der Mik-rosystemtechnik und Nanotechnologie kulturell habitualisierte und vertraute Raum-vorstellungen re-aktiviert und re-kombiniert, die sich historisch bereits bei der Vermitt-lung und Durchsetzung anderer Hochtechnologien – so z.B. der Informations- und Biotechnologie – bewährt haben. Die zentrale These des Vortrages lautet, dass die zur Vermittlung eingesetzten räumlichen Metaphern (in Text und Bild) für Zukunfts-erwartungen, Risikowahrnehmungen und technische Realisierungen der neuen Technologie bereits konstitutiv sind, bevor überhaupt von politischen – somit gesell-schaftlichen – Entscheidungen die Rede sein kann. Paradoxerweise gelingt diese ‚präventive’ Erzeugung soziotechnischer Evidenz für das ‚Neue’ gerade dadurch, dass nicht ein spezifisch ‚Neues’ an der Nanotechnologie und der Mikrosystemtech-nik beschrieben wird, sondern dadurch, dass dieses Neue metaphorisch an eine tra-dierte räumliche Semantik angeschlossen wird.

Dr. Heike Kahlert

Universität Rostock
Institut für Soziologie und Demographie
Ulmenstraße 69
D - 18057 Rostock
heike.kahlert@wisofak.uni-rostock.de

Entgrenzungsprozesse zwischen soziologischer Forschung und Beratung – eine Erfolgsgeschichte mit unerwarteten Nebenfolgen

Gegenwärtig wird eine trennscharfe Abgrenzung zunehmend schwieriger zwischen Forschung – im Sinne der Erkundung unbekannter Tatsachen oder Gesetzmäßigkei-ten – und Entwicklung – im Sinne der Nutzung der Erkenntnisse, um neue Produkte oder Verfahren zu gestalten oder vorhandene Produkten oder Verfahren neu zu ges-talten. Forschung und Entwicklung werden daher inzwischen in der Regel als un-trennbare Einheit betrachtet. Damit wird auch die Grenze zwischen Grundlagenfor-schung und anwendungsorientierter Forschung aufgeweicht. Wissensproduktion und -verwertung sind partiell nicht mehr voneinander unterscheidbar.

Dieser Beobachtung möchte ich am Beispiel der Sozialwissenschaften nachgehen. Für diese hat die Debatte um Entgrenzung von Grundlagenforschung und anwen-dungsorientierter Sozialforschung bereits Tradition, denn schließlich richtet sich die anwendungsorientierte Sozialforschung bereits seit ihren Anfängen gezielt auf ge-sellschaftliche Praxisfelder. Im Forschungsprozess werden Handlungsprobleme iden-tifiziert, Handlungsoptionen aufgezeigt, auf unbeabsichtigte Nebenfolgen aufmerk-sam gemacht und die Ergebnisse in praktische Diskurse mit den Beteiligten einge-bracht. Der Transfer von Forschungsergebnissen in wissenschaftliche wie praktische Kontexte gehört zum Alltagsgeschäft von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaft-lern. Umgekehrt hat aber auch die Öffentlichkeit gelernt, mit Forschungsergebnissen umzugehen, diese zu rezipieren und für die eigenen Zwecke zu ver-werten bzw. zu ver-wenden. Das in den 1980er Jahren durchgeführte DFG-Schwerpunktprogramm „Verwendungszusammenhänge sozialwissenschaftlicher Ergebnisse“ hat in diesem Zusammenhang erhellende Erkenntnisse zum Verhältnis von (Sozial?)Wissenschaft und gesellschaftlicher Praxis hervorgebracht.

Parallel zur Debatte über die Verwendung sozialwissenschaftlichen Wissens hat sich in der gesellschaftlichen Praxis eine Professionalisierung der Sozialwissenschaften vollzogen. Ein wichtiger Bereich, in dem diese Professionalisierung stattgefunden hat, ist der der Beratung: Gesellschaftliche Praxisfelder wie Bildung, Politik, Gewerk-schaften und Wirtschaft fragen zunehmend anwendungsorientiertes sozialwissen-schaftliches Wissen nach, für das sich eigene Professionen herausbilden – zu den-ken ist an die verschiedenen Spielarten von z.B. Supervision, Coaching und Organi-sationsberatung. Diese Beratungsformen greifen jeweils auf sozialwissenschaftliches bzw. soziologisches Wissen zurück, produzieren dieses selbst zugleich häufig mit dem in den Sozialwissenschaften entwickelten und erprobten methodischen Instru-mentarium und koppeln es dann umgehend als Entscheidungshilfen zur Problemlö-sung und (Weiter-)Entwicklung an die befragte Praxis zurück. Produktion und Ver-wertung sind hier untrennbar miteinander verbunden. Dieses Wissen ist im strengen wissenschaftlichen Sinn „unfertig“, und doch drückt sich in dieser Form der Wis-sen(schaft)sproduktion und -verwertung bzw. -verwendung ein Erfolg der Sozialwis-senschaften aus. Der soziologische Beratungsmarkt und die dazugehörige Bera-tungsforschung boomen.

In meinem Beitrag möchte ich diese Entgrenzung von Forschung und Beratung aus zwei Perspektiven näher ausloten:
(1) Zum einen möchte ich zeigen, wie sich das Verhältnis von Sozialwissenschaften und gesellschaftlicher Praxis durch die Entgrenzung von Forschung und Beratung ausgestaltet. Ich werde argumentieren, dass diese Entgrenzung zum partiellen „Verschwinden“ der Sozialwissenschaften in der gesellschaftlichen Praxis führt.
(2) Zum anderen möchte ich fragen, welche Auswirkungen dieses „Verschwinden“ der Sozialwissenschaften auf die Sozialwissenschaften selbst hat. Ich werde argu-mentieren, dass die damit verbundenen fachwissenschaftlichen Identitätskrisen dem „Erfolg“ der gesellschaftlichen Verwendung der Sozialwissenschaften zu verdanken sind. In der Soziologie ist diese Debatte jüngst erst wieder unter der Überschrift „Wo-zu Soziologie?“ geführt worden.

Den praktischen Hintergrund meiner Ausführungen bilden eigene Forschungs- und Beratungsprojekte zur Implementation von Gleichstellungsmaßnahmen in der Exper-tenorganisation Hochschule. Theoretisch knüpfe ich in meinem Beitrag an die Ergeb-nisse des o.g. DFG-Schwerpunkts und an die daran anschließenden Debatten im Umfeld reflexiver Modernisierungstheorien (v.a. Beck und Giddens) an. Ich möchte ausloten, inwiefern diese einen adäquaten Theorierahmen zur Beschreibung des di-agnostizierten Phänomens liefern.

Monika Kurath

Universität St.Gallen und Collegium Helveticum,
ETH Zentrum-STW
8092 Zürich
Tel: ++411 632 08 70
Fax: ++411 632 16 93
monika.kurath@collegium.ethz.ch

Die Verwertung unfertigen Wissens und ihr Einfluss auf die Wissenschaft am Beispiel des Human Genome Projekts

Im Vorfeld und während der Durchführung des Human Genome Projekts wurde von der Wissenschaft viel unfertiges Wissen in die außerwissenschaftliche Öffentlichkeit transportiert. Es wurden Hoffnungen und Erwartungen geweckt, dass mit Ergebnis-sen aus dem Human Genome Projekt beispielsweise wichtige Zivilisationskrankhei-ten geheilt werden, die Medizin revolutioniert und das „Geheimnis des Lebens“ ent-schlüsselt werden können. Erste Ergebnisse des Projekts waren bislang jedoch eher enttäuschend. So wurden weniger Gene als erwartet gefunden, die Genome unter-schiedlicher Spezies wiesen eine höhere Übereinstimmung auf und das Zusammen-spiel und Verhalten der Erbsubstanz scheint komplexer zu sein, als bisher ange-nommen wurde.

In diesem Papier sollen mögliche Folgen der Verwertung unfertigen Wissens auf die Wissenschaft vertieft untersucht werden. Insbesondere interessieren auch Fragen, wie dadurch der innerwissenschaftliche Diskurs und die Wahrnehmung des Systems Wissenschaft durch die außerwissenschaftliche Öffentlichkeit in gesellschaftlichen Technologiedebatten geprägt werden. Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass die Verwertung unfertigen Wis-sens kein neues Phänomen ist. Im Bereich der Gentechnik begann diese Tendenz in den 1960er und 1970er Jahren. Aufgrund der sich verschlechternden Wirtschaftslage veränderte sich die US amerikanische Wissenschaftspolitik. In diesem Rahmen wur-de zunehmend Druck auf das System Wissenschaft ausgeübt, als Gegenleistung für die über lange Jahre hinweg erhaltenen hohen Summen an öffentlichen Forschungs-gelder, die Umsetzung der Grundlagenforschung in praktische Anwendungen aktiv zu unterstützen und zu beschleunigen.1 Diese Tendenz nahm in neuerer Zeit stark zu. Insbesondere im Bereich der Gentechnik und Genomforschung gehört die Ver-wertung unfertigen Wissens beinahe schon zum Alltag der akademischen Wissens-produktion. Diese Tendenz wirkt sich insbesondere in drei Bereichen aus:

1. Die öffentliche Wahrnehmung des Systems Wissenschaft verändert sich. Durch die Verwendung unfertigen Wissens wird in der Bevölkerung eine Erwartungshaltung geschaffen, die gegebenenfalls enttäuscht wird. Dies ist beispielsweise beim Human Genome Projekt geschehen. Dies schadet längerfristig der Glaubwürdigkeit des Systems Wissenschaft in der öffentlichen Wahrnehmung.

2. Auch im innerwissenschaftlichen Diskurs selbst führt die Verwendung unfertigen Wissens zu einer veränderten Kommunikationskultur. Erfolgserlebnisse innerhalb des wissenschaftlichen Arbeitens werden überbetont. Wird unfertiges Wissen zu früh angewendet, untergräbt dies das traditionelle Ethos akademischer Wissensproduktion, die durch klare informelle Normen und Regeln geprägt ist.2

3. Die Verwendung unfertigen Wissens führt auch zu gesamtgesellschaftlichen Folgen. Auf der Basis von unfertigem Wissen werden wichtige Entscheidungen auf falschen Grundannahmen getroffen. Die Anwendung der Gentherapie für klinische Studien ist ein Beispiel dafür. Verschiedene AutorInnen führen Zwischenfälle in dem Bereich, wie z.B. der Tod eines Teenagers in einem Gentherapieversuch der Universität Pennsylvania auf eine so entstandene Fehlentscheidung zurück.3

Dadurch leidet insgesamt die Integrität und Glaubwürdigkeit des Systems Wissen-schaft. Folgen davon sind die Erosion der Reputation der Institution Wissenschaft in der Gesellschaft. Ebenso erodiert das traditionelle wissenschaftliche Ethos, mittels einer der strikten Rationalität und Objektivität verpflichteten Methodik im Dienste der Menschheit zu arbeiten.

1) Vgl. Blumenthal, David (1994): Growing pains for new academic/industry relationships. In Health Affairs, Vol 13, Summer 1994. S. 176-193.). S. 181, Krimsky, Sheldon (1991): Biotechnics and Society, The Rise of industrial genetics. Westport, CT, Praeger sowie Wright, Susan(1994): Molecular politics: developing American and British regulatory policy for genetic engineering. Chicago, The University of Chicago Press S. 114.
2) Vgl. das von Merton propagierte wissenschaftliche Ethos. Vgl. Merton, Robert (1985): Entwicklung und Wandel von Forschungsinteressen. Aufsätze zur Wissenschaftssoziologie. Frankfurt am Main, Suhrkamp.
3) Vgl. Weiner, Charles (2001): Drawing the line in genetic engineering. Self-regulation and public participation. In Perspectives in Biology and Medicine, spring 2001, volume 44, number 2. S. 208-220.: S. 215f.

Dr. Willy Viehöver

Universität Augsburg

Der Beginn des menschlichen Lebens, kategoriale Uneindeutigkeiten und die nicht-kontraktuellen Grundlagen des Gesellschaftsvertrages

PND, PID, Klonen und Stammzellenforschung haben das Bild der Lebenswissen-schaften und in Teilen auch der Medizin in der Öffentlichkeit in den vergangenen Jahren stark verändert, obwohl diesbezügliches Wissen – gerade auch wegen der schnell voranschreitenden Wissensproduktion im Feld der Lebenswissenschaften – vorläufig, unvollständig, wenn nicht gar (noch) nicht vorhanden ist. Der wissenschaft-liche Diskurs entfaltet nicht nur, wie den Naturwissenschaften gerne unterstellt, Fak-tenwissen, welches sich von Wertfragen unterscheiden lässt. Vielmehr entfaltet der Diskurs, wenigstens in weiten Teilen, Felder möglichen und – aus der Sicht der Wis-senschaftler – wünschbaren Wissens. Freilich wirken auch diese Traumpfade des naturwissenschaftlichen Wissens in die gesellschaftliche und politische Praxis jen-seits des Systems der Wissenschaften im engeren Sinne hinein. Sie sind es, die das Bild der Lebenswissenschaften so maßgeblich prägen, denn es ist in vielen Fällen gerade dieses unfertige Wissen – die Verheißungen der Wissenschaft – das die Ba-sis für forschungs- und medizinpolitische, aber auch für moralische und rechtspoliti-sche Entscheidungen bildet, die die Grundlagen des Gesellschaftsvertrages (z.B. Verfassung) affizieren. In diesem Sinne gründet schon die naturwissenschaftliche Wissensproduktion untrennbar auf Wertentscheidungen, noch bevor mögliche Fak-ten, wie etwa der Klon geschaffen sind oder auch nur geschaffen werden könnten. Nun kann man in vielen Fällen argumentieren, dass sich das hypothetische und un-vollständige Wissen, sofern entsprechende Forschungsgelder bewilligt und bereitge-stellt werden, in gesichertes Wissen überführen lassen und insofern ex posteriori den Vertrauensvorschuss in das noch unfertige Wissen rechtfertigen könnte. Das gilt aber nicht für einen besonderen Focus – der auch im Mittelpunkt des Vortrages stehen soll –, auf den sich die Debatte um PND, PID, Klonen und Stammzellenforschung in den letzten Jahren bezogen hat, die Frage der Bestimmung des Beginns des menschlichen Lebens. Obgleich die Wissenschaft durch ihre Technopraktiken und ihre Diskursinterventionen den gesellschaftlichen Diskurs über diese Frage wiederer-öffnet hat, so ist sie nun doch eingestandener Maßen nicht mehr in der Lage, diese Frage im Rekurs auf ihre zentrale Ressource Faktenwissen legitimerweise zu schlie-ßen, ohne dass die Lebenswissenschaftler deshalb definitorische Enthaltsamkeit in der Frage üben würden. Aber, obwohl die Wissenschaft nicht (mehr) in der Lage in Fragen kategorialer Uneindeutigkeit als unparteilicher Schiedsrichter zu urteilen, affi-ziert das von ihr produzierte Wissen die Grundlagen sozialer Ordnung. Die zentrale These des geplanten Vortrages geht davon aus, das es gerade das in der kategoria-len Uneindeutigkeit sich ausdrückende Wissen ist, dass von der Gesellschaft verwer-tet wird und dabei zugleich deren moralischen und rechtlichen Grundlagen des Ge-sellschaftsvertrages verändert, ohne dass sich dauerhaft eindeutiges Wissen auf wissenschaftlicher Basis dabei herstellen ließe. An diese These schließt sich eine weitere Überlegung an, die davon ausgeht, dass die außerwissenschaftliche Öffent-lichkeit die wissenschaftlich produzierte Uneindeutigkeit als Medium der Reflexion nutzen könnte. Meine zweite These lautet daher: Wenn man in der Definition des Lebensbeginns eine Kategorie des Wissens sehen würde, die in der reflexiven Mo-derne per definitionem unfertig bleiben muß, weil essentialistische Begründungsfigu-ren oder eine Moralisierung der menschlichen Natur ebenso versagen, wie instru-mentalisierte naturwissenschaftliche Tatsachenbehauptungen á la Das menschliche Leben beginnt mit der Verschmelzung der Ei- und Samenzellen, so könnte darin auch eine Chance liegen unsere Rationalitätsvorstellungen zu überdenken und für die Gesellschaft transparenter zu gestalten.