GWTF-Jahrestagung in Kooperation mit dem Institut für Soziologie der TU Berlin
Berlin, 20. und 21. November 2015

Das Internet als Instrument, Infrastruktur oder Institution?
Oder: Was die Technikforschung und die Internetforschung voneinander lernen können.

GWTF e.V.

 

Call for Papers (pdf) | Programm (pdf)

Organisation: Ulrich Dolata, Martin Meister, Cornelius Schubert, Christian Stegbauer.

In Studien zu großtechnischen Systemen, Informationsinfrastrukturen oder vernetzen Identitäten hebt die sozialwissenschaftliche Technikforschung seit vielen Jahrzehnten hervor, dass moderne Gesellschaften als sozio-technische Konstellationen zu verstehen sind und sich ihr Wandel ohne die Berücksichtigung technischer Einflussfaktoren nicht angemessen erklären lässt. Mit Blick auf die Wechselwirkungen zwischen Technik und Gesellschaft werden zur Illustration meist triviale Beispiele angeführt (z.B. Schlüssel, Segel, Brücken); daneben liegen aber auch eine Reihe von Studien zur soziotechnischen Genese neuer Technologielinien (wie z.B. I&K-Technologien, Gen- oder Nanotechnologie) und ihren gesellschaftlichen Effekten vor.

Parallel dazu hat sich in den letzten 20 Jahren eine sozialwissenschaftliche Internetforschung herausgebildet, die speziell die sozialen Auswirkungen des zunehmend omnipräsenten ‚Netzes der Netze' erörtert, das zur infrastrukturellen Basis von Kommunikationsweisen, Produktionssystemen und sozialen Handlungsformen geworden ist. Bis in jüngste Zeit hat sich die mit dem Web befasste Sozialforschung allerdings zumeist auf die ermöglichenden Wirkungen der Onlinetechnologien konzentriert, während ihre sozio-technische Genese wie auch ihre Strukturierungseffekte, regelsetzenden Eigenschaften oder Kontrollpotentiale erst seit kurzem in den Fokus geraten sind.

Vor diesem Hintergrund wollen wir auf der diesjährigen Tagung der Gesellschaft für Wissenschafts- und Technikforschung (GWTF) die Ergänzungspotentiale der beiden genannten Forschungsstränge ausloten und systematisch aufeinander beziehen. Einerseits zielen wir auf empirische Beiträge, die die Entstehungskontexte und Nutzungspraktiken von Internetdiensten als sozio-technische Verschränkungen untersuchen. Andererseits möchten wir die Einreichung konzeptioneller Beiträge anregen, die diskutieren, ob und wie bereits entwickelte Konzepte der Technikforschung dazu beitragen können, den Blick auf das Wechselverhältnis zwischen Internet und Gesellschaft theoretisch zu fundieren und inwieweit die Technikforschung umgekehrt von der Internetforschung profitieren kann, wenn es etwa um die Besonderheiten medialer Kommunikationspraktiken oder elektronischer Distributionsnetzwerke geht.

Die Ergänzungspotentiale können beispielsweise entlang der folgenden Fragenkomplexe untersucht werden. Andere Problemstellungen sind ebenso erwünscht und möglich:

  • Vernetztes Handeln. Gibt es neue Möglichkeiten individuellen bzw. kollektiven Handelns und Verhaltens im Kontext des Internets, die etablierte Akteur-, Handlungs- und (techniksoziologische) Netzwerkkonzepte erweitern, modifizieren oder infrage stellen?
  • Transformation. Inwiefern lassen sich die onlineinduzierten Transformationsprozesse, die in vielen gesellschaftlichen Feldern (z.B. Wirtschaft, Politik, Wissenschaft) angestoßen worden sind, mit Konzepten der sozio-technischen Transformationsforschung erklären?
  • Regulierung. Diskussionen um großtechnische Systeme ließen sich in der Vergangenheit stets auch als Gestaltungsarenen für "inhärent politische" Technologien lesen. Inwiefern lässt sich dies auf das Internet übertragen (z.B. mit Blick auf die Debatte um die Netzneutralität)?
  • Kommunikation. Inwieweit haben sich die Modalitäten technisch vermittelter Kommunikation durch das Aufkommen von Diensten wie Facebook oder Twitter verändert? Bieten klassische Konzepte zu Informationsinfrastrukturen oder zu Plattformen aus der Wissenschafts- bzw. Technikentwicklung eine Basis, um die Effekte dieser ‚sozialen Medien' zu untersuchen?
  • Identität. Inwiefern stellt sich die Frage nach hybriden Identitäten in kommunikationstechnischen Kontexten vor dem Horizont ubiquitär verwendeter Mobile Devices und Social Networking Plattformen sowie dem aufkommenden ‚Internet der Dinge' heute neu?
  • Institutionalisierung. Die Technikforschung weist seit langem darauf hin, dass in Technik stets auch soziale Regeln und Normen eingeschrieben werden und Technik ähnlich wie soziale Institutionen wirkt. Wie lässt sich diese Vorstellung für die Internetforschung fruchtbar machen?
  • Technik und Daten. Lässt sich all das, was sich hinter dem Schlagwort Big Data verbirgt (Datenerhebung, -aggregation, -integration und -auswertung) als neuartiges techno-epistemisches Netzwerk bzw. Instrument erfassen? Ergeben sich aus der Sammlung und Auswertung solcher Daten Rückwirkungen auf den Umgang mit der Technik? Und wenn dem so ist, entstehen hieraus wiederum Rückkopplungsprozesse für das sozio-technische Netzwerk?

Abstracts von max. 1 Seite erbeten bis zum 19.06.2015 an cornelius.schubert@uni-siegen.de

 

Tagungsort:
Technische Universität Berlin
Tagungsraum des Instituts für Soziologie FH 919
Gebäude FH
Fraunhoferstr. 33-36
10587 Berlin
U-Bahn: Ernst-Reuter-Platz, Linie U2 (U12)

Anmeldung: formlos per E-Mail an Cornelius Schubert (cornelius.schubert@uni-siegen.de)

Während der Tagung können Kinder von Referentinnen und Referenten betreut werden.
Die Betreuungskosten übernimmt die GWFT.

 

Freitag, 20.11.2015

10:30-11:00 Ankommen

11:00-11:30 Begrüßung und Einführung in das Tagungsthema
Ulrich Dolata (Stuttgart), Martin Meister (Duisburg), Cornelius Schubert (Siegen/Berlin), Christian Stegbauer (Frankfurt/M.)

11:30-12:15 Manfred Mai (Duisburg):
Medium oder großtechnisches System - das Internet zwischen zwei Paradigmen

Themenblock 1: Open Source

12:15-13:00 Jan-Felix Schrape (Stuttgart):
Open Source Projekte zwischen Passion und Kalkül

13:00-14:30 Mittagspause

14:30-15:15 David Schünemann (Oldenburg):
"Social Coding" Zur Verschränkung von Institutionen und Technik in FOSS-Gemeinschaften

15.15-16:00 Daniel Guagnin (Berlin):
Zwischen Selbstbestimmung und Meritokratie. Freie-Software Gemeinschaften als sozio-technische epistemische Regime

16:00-16:30 Kaffeepause

Themenblock 2: Algorithmen

16:30-17:15 Katharina Kinder-Kurlanda und Jan-Hinrik Schmidt (Köln/Hamburg):
Rekursivität der Algorithmen: Big Data's Moving Targets

17:15-18:00 Gernot Grabher und Jonas König (Hamburg):
Performing Network Theory? Social Networking Sites und die Praktiken professioneller Netzwerk-Bildung

18:00-18:15 Kurze Pause

18:15-19:00 Abendvortrag von Ulrich Dolata (Stuttgart):
Kollektive Formationen im Internet. Akteurtheoretische und techniksoziologische Zugänge

19:00 Mitgliederversammlung der GWTF

Anschließend Gemeinsames Abendessen

 

Samstag, 21.11.2015

Themenblock 3: Wissenschaft

ab 09:45 Kaffee

10:00-10:45 Martina Franzen (Berlin):
Folgen der digitalen Revolution: Zum Fall Wissenschaft

10:45-11:30 Monika Taddicken, Nina Wicke, Laura Wolff, Anne Reif, Irene Neverla (Braunschweig/ Hamburg):
#Klimawandel - Neue kommunikative Praktiken auf Twitter in der Wissenschaftskommunikation?

11:30-12:00 Vesperpause

Themenblock 4: Kommunikation und Beteiligung

12:00-12:45 Christian Papsdorf (Chemnitz):
Die Grenzen der Internetkommunikation. Zur Verknüpfung technik- und internetsoziologischer Forschung im Rahmen einer userzentrierten Perspektive

12:45-13:30 Sascha Dickel, Andrea Geipel, Jan-Hendrik Passoth, Silvan Pollozek, Carolin Thiem, Andreas Wenninger (München):
Beteiligungsmaschinerien: Versachlichung als Inklusionschance

13:30 Tagungsende

 

Im Anschluss an die GWTF Tagung findet in den gleichen Räumlichkeiten das INSIST-Netzwerktreffen 2015 statt.

 

Zuletzt aktualisiert am 31.08.2015 [zum Seitenanfang]